Soziales Lernen in der Wirtschaftsschule

Die oberste Zieldimension beruflicher Bildung ist die berufliche Handlungskompetenz, etwas einfacher ausgedrückt, wir wollen die Jugendlichen fit machen für das Leben nach der Schulzeit im Allgemeinen und für die Berufswelt im Speziellen. Oftmals das Erste, was einem da in den Sinn kommt, sind die Grundfähigkeiten wie lesen, rechnen, schreiben und in der beruflichen Bildung kaufmännisches Grundwissen. Diese Bestandteile sind wichtig und ihnen wird in der Schule auch ein sehr großer Stellenwert eingeräumt. Doch wenn man Personalchefs und Ausbildungsleiter von Unternehmen nach gewünschten Fähigkeiten zukünftiger Mitarbeiter befragt, sind mindestens ebenso oft, wie die oben genannten Grundfähigkeiten, Begriffe wie Softskills, Primärtugenden, Schlüsselqualifikationen, Teamfähigkeit, Sozial- und Selbstkompetenz zu hören.

Ist das nur neumodischer "Firlefanz" oder hat sich in der Arbeitswelt und der Lebensumwelt Jugendlicher von heute etwas gewandelt?

In der Arbeitswelt von heute ist der Facharbeiter, der von seinem Vorgesetzten gesagt bekommt, was er wann wie machen soll, vom Aussterben bedroht. Die Aufgabenstellungen und die Arbeitsumwelt werden immer komplexer, sodass häufig Mitarbeiter aus den verschiedensten Bereichen eines Unternehmens gemeinsam an der Lösung eines Problems arbeiten. Der Lösungsweg ist dabei nicht vorgegeben (so und nicht anders wird es gemacht), sondern stellt die Schwierigkeit einer solchen Aufgabe da. Es gilt also das Fachwissen verschiedener Personen zur Lösung des Problems zusammenzuführen und zu nutzen.

In der Lebensumwelt der Jugendlichen hat sich auch so einiges geändert. Die sozialen Netzwerke, die man knüpft, sind kaum mehr auf dem Sportplatz, dem Verein oder der Familie zu finden, sondern eher virtuell auf Facebook & Co.. So wird das tatsächliche Diskutieren, Argumentieren und Interagieren zur Ausnahmesituation.

Einer gestiegenen Anforderung an sozialer Kompetenz steht also eine gesunkene "Grundausstattung" dieser durch die Sozialisation der Jugendlichen gegenüber.
Mit dem TAG DES SOZIALEN LERNENS am Mittwoch, 9.11.2011 in der Berufsfachschule Wirtschaft der Frankenlandschule Walldürn versuchen wir einen kleinen Schritt zu machen, um diese Lücke zu schließen.

Begleitet von den Klassenlehrern Herrn Heinzmann, Herrn Bauer und Herrn Roland Mohr durchliefen die Schülerinnen und Schüler drei Stationen des Sozialen Lernens.

Benimm ist "in" - unter diesem Motto stand die Doppelstunde bei Oberstudienrätin Ingeborg Völker-Engler. Die Schülerinnen und Schüler der Wirtschaftsschule an der Frankenlandschule Walldürn, erlebten und reflektierten in Rollenspielen und Situationsanalysen, was zwischenmenschlich zwischen Schülern und Lehrern vor sich geht, wenn Schüler sich "daneben" benehmen. Welche Verhaltensweisen kommen auch bei den Mitschülern nicht gut an, war ein weiteres Thema, mit dem sich die Gruppen beschäftigten. Die Schüler erarbeiteten, dass es zumeist an Respekt gegenüber den anderen mangelt, wenn es Schwierigkeiten, wie Stören im Unterricht, Mobben, Stehlen, oder auch Schmutz und mangelnde Hygiene gibt. Ein Benimmtest beendete die Einheit, bei der jeder Schüler testen konnte, ob er noch Nachholbedarf hat, was ein angemessenes respektvolles Verhalten anderen gegenüber angeht.

Eine weitere Station war "Lernen lernen", die Frau Glittenberg und Frau Lotter leiteten. Ziel dieser Station war es, den Schülern eine positive Grundeinstellung zum Lernen zu vermitteln, denn Lernen ist für die meisten Schüler mit unangenehmen Gefühlen verbunden. Zuerst ging es darum, die Schüler zum Lernen zu motivieren. Dazu diente ein Lerntypentest, um sich die eigenen Stärken bewusst zu machen. Weiterhin beschäftigten sich die Schüler damit, was für eine Bedeutung ein fester Arbeitsplatz, die Berücksichtigung der persönlichen Tagesleistungskurve und ein planvolles Zeitmanagement für eine Optimierung des Lernens haben. Praktische Anwendungen rundeten die Station ab.

Die Schüler gaben dazu positive Rückmeldungen, wie z.B.: "Wir haben gelernt, welcher Lerntyp wir sind und gute Tipps bekommen, wie wir besser lernen können…Dass unsere Stärken aufgezeigt wurden und wie wir sie nutzen können für's Lernen."

In der Sporthalle stand die Teamarbeit im Fokus. In Gruppen sollten die Schülerinnen und Schüler sich auf die Suche nach den Lösungswegen für verschiedene Problemstellungen begeben. Wie erklimmen wir als Gruppe gemeinsam einen über 2 m hohen Mattenberg ohne Hilfsmittel? Wie konstruieren wir einen Becherberg, um ihn sicher in die Höhe zu bauen? Wie überqueren wir einen Fluss mit einer begrenzten Anzahl an Flößen ohne "nass" zu werden? Auf diese und andere Fragestellungen galt es eine Antwort zu finden. Alle in der Gruppe mussten sich an der Lösung des Problems beteiligen und jeder konnte seine Stärken einbringen.

So wurden spielerisch Kompetenzen gefordert und gefördert, die eine zentrale Rolle auf dem Weg zur beruflichen Handlungskompetenz spielen und so häufig im Schulalltag in den Hintergrund gedrängt werden. Von einer solchen Einheit kann man sicher nicht erwarten, die Lücke zwischen den Anforderungen an die Jugendlichen und deren Leistungsniveau zu schließen, aber eine Sensibilisierung dafür zu erreichen und einen der vielen Schritte dorthin gegangen zu sein.